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Klassische Schildpatt Ver- und Bearbeitung
Dieser Eintrag stammt von UbuRoy Am 24.11.2009 @ 10:40 In Alte und vergessene Handwerkskünste, Messernassrasur | 1 Kommentar
Da ich mittlerweile über das Aufarbeiten von Rasiermessern hinweg bin, nachdem ich rund 1000 Stück restauriert, geschärft und ausprobiert habe, ist das Thema langsam erschöpft), möchte ich langsam selbst zur Fertigung derselben übergehen.
Am liebsten natürlich das Schmieden eigener Stücke. Da dies jedoch neben einem gerüttelten Maß an Fachkenntnis vor allem eine Schmiede voraussetzt und ein Ort an dem ich lärmen kann, fange ich als erstes einfach bei der Fertigung von Rasiermesser Schalen an.
Da ich Holzhefte an Rasiermessern jedoch nicht besonders mag, Celluloid praktisch nicht mehr hergestellt wird, genauso wie Galalith, Bakelitz, Guttapercha usw., habe ich begonnen, mich zumindest Theoretisch mit der Verarbeitung von Horn, Knochen, Schildpatt, Elfenbein und Horn zu beschäftigen. Gerade Schildpatt ist ein wunderbares, extrem wertvolles Material. Natürlich aus bekannten Gründen nicht mehr im Handel erhältlich, und das ist auch gut so.
Aber trotzdem finde ich dieses organische Horn-/Knochenmaterial faszinierend in seinen eigenschaften, seiner Beschaffenheit, seiner Transparenz und wunderbaren Formbarkeit und Altersbeständigkeit.
Leider gibt es kaum noch Quellen die etwas über die Verarbeitung dieses Materials zum Besten geben können. Ähnlich wie die Herstellung von echtem Dasmaszener Stahl ist die Kenntnis der Verarbeitung von Schildpatt praktisch verloren gegangen und muß mühselig wieder erarbeitet werden. Gleiches gilt z.b. auch für die herstellung klassischer japanischer Schwerter. Auch hier gibt es nur noch eine Handvoll lebender alter Meister, meist nationale Denkmäler, die Kenntnis über das Schmieden, Schleifen, Polieren, Schärfen, Scheidenbau usw. vermitteln können.
Das alles ist sehr schade und traurig und ich bin oft bemüht, mir zumindest theoretische Fachkenntnisse auf allen möglichen Gebieten anzueigenen, weil ich es fatal finde, das soviele Kenntnisse, die über JAHRHUNDERTE angeeignet wurden, einfach verloren gehen. Seien es Feilenhauer, Waffenschmiede, Schwertmeister, Schmiedemeister, Böttcher, Korbflechter, Rasiermesserhohlschleifer, Damstschmiede, Tamahagane Herstellung, Wootzverarbeitung, Ebenistenkünster oder sonst was.
Aus diesem Grund versuche ich hier, einige Quellen bzg. solcher Künste öffentlich zu machen.
Ich fange an dieser Stelle also mit der SchildpattBe- und Verarbeitung an. die Quellen sind mager, aber eine habe ich gefunden: Bebildert ist nur die Downloadversion!
[1] Schildpatt Be- und Verarbeitung, Materialbeschaffenheit usw.
SCHILDPATT, DAS MATERIAL
UND MÖGLICHKEITEN SEINER VERARBEITUNG
Ruth Remetter München, 19. November 2002
2
INHALTSVERZEICHNIS
Seite
1 DEFINITION 6
1.1 Schildpatt 6
1.2 Unterscheidungskriterien 7
1.2.1 Echte Karettschildkröte 7
1.2.2 Unechte Karettschildkröte 7
1.2.3 Suppenschildkröte 8
2 HERKUNFT 9
2.1 Herkunftsländer und Erscheinungsformen 9
2.2 Schildpattgewinnung 9
2.3 Handel im historischen Europa 10
3 ARTENSCHUTZ 11
3.1 Gesetzgebung 11
3.2 Ersatzmaterialien 11
3.2.1 Historische Ersatzstoffe 12
3.2.2 Moderne Ersatzstoffe 12
3.3 Restauratorische Probleme
4 MATERIAL 13
4.1 Chemische Zusammensetzung und Aufbau 13
4.2 Materialeigenschaften 13
5 HISTORIE 15
5.1 Verwendung von Schildpatt 15
5.2 Objekte und Beispiele aus dem Kunsthandwerk 17
3
6 VERARBEITUNG 19
6.1 Planieren der Platten 19
6.2 Egalisieren der Stärke 20
6.3 Schweißen 21
6.4 Räumliche Verformung von Schildpatt 24
6.4.1 Räumliche Verformung ohne Dehnung des Materials 24
6.4.2 Räumliche Verformung mit Dehnung des Materials 25
6.5 Aufleimen auf den Träger 27
7 Resümee 29
4
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
Abb. Seite
1a
b
Echte Karettschildkröte
Hornplatte der Echten Karettschildkröte
6
2 Echte Karettschildkröte (Eretmochelys imbricata) 7
3 Indo-portugisische Cambaia 9
4 Rückenpanzer einer Echten Karettschildkröte, Außen- und Innenansicht 10
5 Querschliffnr. 1630, Schichtenaufbau von Schildpatt 13
6 Kunstkammer um 1655 15
7 Prunkschreibtisch mit Aufsatz in Boulle-Technik um 1700 16
8 Kämme, Schildpatt und Silber, 16. Jh. 16
9a
bc
Herzförmige Flasche, Schildpatt und Silber, 16. Jh.
Becken, Schildpatt, 16. Jh.
Konfektschale, Schildpatt, 2. Hälfte 16. Jh.
17
10 Kabinettschrank, Ende 17. Jh. 17
11 Kabinettschrank um 1680/85 18
12 Innenleben des Kabinettschranks auf Abb. 11 18
13a
b
Erweichen von Schildpatt
Pressen von Schildpatt
20
14a
b
Schleifen des Schildpatts
Polieren des Schildpatts
21
15 Formen und Gerätschaften zum Bearbeiten von Schildpatt, Roubo 1771-76 21
16 Verschweißen von Schildpatt 22
17 Zange zum Verschweißen von Schildpatt 22
18 Verschweißtes Schildpatt 23
19 Querschliffnr. 1631, Verschweißtes Schildpatt 24
5
20 Räumliche Verformung ohne Dehnung des Materials 25
21 Räumliche Verformung in der Spindelpresse 26
22 Räumliche Verformung mit Dehnung des Materials 27
23a
bc
Messingaußenform
Gebogenes und gedehntes Schildpatt
Innenform aus Epoxidharz
27
24a
bc
Räumliche Verformung ohne Dehnung und Träger
Räumliche Verformung mit Dehnung und Träger
Verschweißtes Schildpatt auf dem Träger
28
6
SCHILDPATT, DAS MATERIAL
UND MÖGLICHKEITEN SEINER VERARBEITUNG
Die Zielsetzung der ist es, Verarbeitungstechniken des Schildpatts aus historischen
Quellenschriften umzusetzen. Der Schwerpunkt liegt bei der Verschweißung des
Materials und seiner räumlichen Verformung. Eine vorherige Erforschung des
Materials ist ebenfalls Thema und gleichzeitig auch die Voraussetzung für die
Schildpattverarbeitung.
1 DEFINITION
1.1 Schildpatt
Schildpatt ist die Bezeichnung für die verhornte Oberhaut der Rücken- und
Bauchschilde von Schildkröten. Diese Panzer bestehen aus einzelnen
Knochenplatten, deren Überzug Epidermis oder auch Hornhaut genannt wird.
Das im Kunsthandwerk verwendete Schildpatt wird ausschließlich von drei Arten
der Meeresschildkröten, den Cheloniidae, gewonnen. Es handelt sich hierbei um
die Echte Karettschildkröte, die Unechte Karettschildkröte und die
Suppenschildkröte. Hauptsächlich wird das Schildpatt der Rückenschilde benutzt.
Das Bauchschild ist durch die Art der Fortbewegung der Tiere häufig verkratzt und
dünner.
Der Begriff Schildpatt entwickelte sich aus dem norddeutschen/niederländischen
Wort „Schildpadde“ ab, was nichts anderes bedeutet als „Schildkröte“ 1. Auch wird
in älteren Quellenschriften Schildpatt als Schildkrot bezeichnet.
1 J. G. Krünitz´s Ökonomisch-technologische Encyklopädie, S. 440
Abb. 1a Echte Karettschildkröte (Eretmochelys
imbricata); b Hornplatte der Echten Karettschildkröte
a b
7
1.2 Unterscheidungskriterien
1.2.1 Echte Karettschildkröte
Als das Echte Schildpatt bezeichnet man die Hornplatten des Panzers der Echten
Karettschildkröte (Eretmochelys imbricata / hawksbill turtle). Sie war und ist der
Hauptlieferant für dieses so begehrte Material.
Man erkennt sie sehr gut an den nach hinten schindelartig überlappenden Schildern,
die im Jugendalter hornfarben und dunkel geflammt sind, später wird die
Zeichnung eher tüpfelartig 2. Der auffallend scharf gezackte Panzerrand ist ein
weiteres unverwechselbares Merkmal.
Das Rückenschild besitzt insgesamt 25 Rand- oder Seitenschilde und 13
Mittelschilde. Nur die Mittelschilde werden verarbeitet. Einzelne Hornplatten
sollen max. bis zu 30 x 17 cm groß werden. Die Rückenpanzer können eine Länge
von 60 – 95 cm Länge erreichen. Die Dicke des Schildpatts wird in der Literatur
sehr unterschiedlich zwischen 0,5 – 6,5 mm angegeben. Dabei ist nicht immer
sicher festzustellen, ob es sich um das Schildpatt der Echten Karettschildkröte
handelt, oder um das anderer Arten. Ruth Vuilleumier gibt die Stärke des „Echten“
Schildpatts mit 3 – 6,5 mm an.
1.2.2 Unechte Karettschildkröte
Die Unechte Karettschildkröte (Caretta caretta / loggerhead turtle) ist die Einzige
der drei genannten Arten von Meeresschildkröten, die auch im Mittelmeer heimisch
ist. Sie besitzt einen größeren Panzer mit zwei Hornplatten mehr als die Echte
Karettschildkröte. Ein weiterer Unterschied sind die nebeneinander liegenden, nicht
geschindelten Rückenschilder. Die Unechte Karettschildkröte bildet dünnere
Hornplatten aus, mit einer Stärke zwischen 1 und 2 mm. Die Zeichnung des
2 Dr. Dr. H. C. Grzimek, Grzimeks Tierleben, Bd. 6 Kriechtiere, S. 110/11
Abb. 2 Echte Karettschildkröte (Eretmochelys imbricata)
vor Tahiti mit den gut sichtbaren Merkmalen der
überlappenden Hornplatten und dem gezackten
Panzerrand
8
Schildpatts kann dem Echten Schildpatt sehr ähnlich sein, jedoch soll sie von der
Farbgebung eher etwas mehr ins bräunliche gehen und nicht so klar gefleckt sein.
1.2.3 Suppenschildkröte
Eine weitere Wasserschildkröte die Schildpatt liefert, ist die Riesen- oder auch
Suppenschildkröte (Chelonia mydas / green turtle). Sie gehört mit einer
Panzerlänge von ca. 150 cm zu den größten Schildkröten ihrer Art. Auch sie besitzt
2 Rückenschilder mehr als die Echte Karettschildkröte. Suppenschildkröten spielen
in der Schildpattgewinnung eine eher untergeordnete Rolle, da deren Hornplatten
nur ca. 0,3 bis 1,5 mm dick werden. Im Krünitz´s Lexikon heißt es, das Schildpatt
der Riesenschildkröte sei das schlechteste und kaum noch bei Kaufleuten zu
finden.3 Ihr Fleisch wurde im 19. Jahrhundert zur Spezialität und auch das
Schildpatt wurde ausschließlich ab dem 19. Jh., z. B. für Lampenschirme
verarbeitet. Die Zeichnungfarbe der Platten geht vom Dunkel- bis ins Hellbraune.
3 J.G. Krünitz´s Ökonomisch-technologische Encyklopädie, S. 443
9
2 HERKUNFT
2.1 Herkunftsländer und Erscheinungsformen
Wasserschildkröten sind fast ausschließlich in warmen, tropischen oder
subtropischen Gewässern vorzufinden. Die Zeichnung und damit die Qualität des
Schildpatts hängen von der Schildkrötenart und der geographischen Herkunft der
Tiere ab.
So kommt zum Beispiel ein hellgelbes Schildpatt mit einer braunen bis schwarzen
Zeichnung vorwiegend aus Ostindien. Das Schildpatt der ägyptischen Schildkröte
weist ein helles rotbraun mit dunkel rotbrauner Zeichnung auf. Amerikanisches
Schildpatt ist meist rot-fleckig. Einfarbige, helle Platten, auch blindes Schildpatt
genannt, sind eine Rarität und somit auch sehr teuer (siehe Abb. 3).
Europa erhielt den größten Teil der benötigten Schildpattmenge im 18. und 19.
Jahrhundert von den Bahamas, den Antillen, den Kapverdischen Inseln und
Guyana. Die Holländer importierten mit ihrer Handelskompanie vorwiegend
Schildpatt aus Westindien bzw. den Molukken und Spanien meist von den
Malabarinseln 4.
Weitere Vorkommen fand man in Madagaskar, China, Neuguinea und dem
Bismarckarchipel 5.
2.2 Schildpattgewinnung
Um das begehrte Material von den Schildkrötenpanzern zu lösen wird Wärme
benötigt. Schriften aus dem 16. bis 20. Jahrhundert zufolge, wurden die lebenden
Tiere entweder in kochendes Wasser gelegt oder über ein Feuer gehalten. Das
4 J.G. Krünitz´s Ökonomisch-technologische Encyklopädie, S. 444
5 Fritz Spannagel, Das Drechslerwerk, S.180
Abb. 3 Indo-portugisiche Cambaia oder
Surrate, 1. Jh. n. Chr. / Schildpatt und Silber /
Lissabon, Museu de Sáo Roque
10
Schildpatt erweicht unter Wärmeeinwirkung und lässt sich leicht mit einem Messer
vom Knochenpanzer ablösen.
Das Fleisch galt im 18. Jh. als nicht besonders schmackhaft und die europäischen
Jäger glaubten das Schildpatt würde nachwachsen. Deshalb wurde das Tier, wenn
es diese Prozedur überlebte, wieder im Meer freigelassen. Tatsächlich steht in
Grzimeks Tierleben, dass sich bei recht jungen Tieren der Panzer annähernd wieder
nachbilden könne. 6 Jedoch ist der Ertrag an Schildpatt bei jungen Schildkröten
natürlich nicht besonders hoch.
Man erhält von einer ca. 75 kg schweren Karettschildkröte, eine brauchbare
Schildpattausbeute von ca. 2,5 kg.
5 Schilde sitzen über der Wirbelsäule, sind stärker gewölbt und ungleich dicker als
die 8 äußeren Mittelschilde, die flacher und relativ gleichmäßig stark sind (Abb.
1a/b).
2.3 Handel im historischen Europa
Jahrhunderte lang wurde das Schildpatt in den genannten Herkunftsgebieten
gewonnen und nach Europa verschifft. Lange Transportwege, die Lagerung in
Magazinen und die daraus resultierende fehlende Luftzufuhr, bewirkten nicht selten
ein Wurmbefall des Materials. Dieser konnte ganze Schiffsladungen vernichten.
Das begehrte Rohmaterial wurde von den großen europäischen Häfen, wie
Marseille, Amsterdam, Hamburg u.a., pfundweise an Händler und
Kunsthandwerker verkauft.
Im Jahre 1784 kostete ein Pfund Schildpatt in Amsterdam 6 bis 15 Gulden Banko7.
1895 wurden in Hamburg 9305 kg Schildpatt im Wert von 350.000 Mark
verkauft8. Der damalige Preis variierte natürlich mit der Qualität des gelieferten
Schildpatts. Und diese konnte, abhängig von Faktoren wie Schildkrötenart,
Ausmaße der einzelnen Platten, usw., sehr unterschiedlich ausfallen.
6 Dr. Dr. H. C. Grzimek, Grzimeks Tierleben, Bd. 6 Kriechtiere, S. 110 - 111
7 Lois Edgar Andres, Verarbeitung des Horns, Elfenbeins, Schildpatts, der Knochen, des Perlmutts, S. 134
8 J.G. Krünitz´s Ökonomisch-technische Encyklopädie, S. 444
Abb. 4 Rückenpanzer
einer Echten Karettschildkröte
(Eretmochelys
imbricata), Außen- und
Innenansicht
11
3 ARTENSCHUTZ
3.1 Gesetzgebung 9
Eine erste internationale Regelung für bedrohte Lebewesen ist das Washingtoner
Artenschutzübereinkommen (englisch CITES, Convention on International Trade in
Endangered Species), welches seit dem 3.3.1973 existiert. Es trat 1975 in Kraft.
Dieses Abkommen listet gefährdete Arten in der Tier- und Pflanzenwelt in 3
Anhängen (WA I, II, III) auf, welche ständig verändert und den neuesten
Erkenntnissen angepasst werden.
Unmittelbar von der Ausrottung bedrohte Tier- und Pflanzenarten, wie die
Meeresschildkröten oder auch Elefanten u.a., werden im Anhang WA I erwähnt.
Der Handel zu kommerziellen Zwecken mit den genannten Arten, sowie mit
Erzeugnissen derselben, ist verboten.
Weiterhin werden noch Sonderregelungen über die Hoheitsgebiete einzelner
Staaten, Aus- und Einfuhrgenehmigungen geregelt.
Als erster EG-Staat unterzeichnete 1976 die Bundesrepublik Deutschland dieses
Abkommen. Die zuständigen CITES-Behörden sind das Bundesumweltministerium
und das Bundesamt für Naturschutz.
Der Bestand der Echten Karettschildkröte ging weltweit in den letzten Jahrzehnten
um 80 % zurück. Nicht allein der Handel mit Schildpatt ist für diese erschreckende
Zahl verantwortlich, sondern auch die fortschreitende Zerstörung der Lebensräume.
Viele Tiere verfangen sich in Fischernetzen und ertrinken. In manchen Ländern
zählen Schildkröteneier als Delikatesse, was wiederum das Ausbeuten der
Eiablageplätze zur Folge hat. Schätzungen zufolge erreicht von etwa 1000
geschlüpften Schildkröten eine die Geschlechtsreife.
3.2 Ersatzmaterialien
Eine Form des Artenschutzes ist die Verwendung von Ersatzstoffen. Die Forschung
nach Stoffen, mit denen das teure Material Schildpatt imitiert werden konnte,
begann fast zeitgleich mit dem in Mode gekommenen Schildpatt. Dies verdeutlicht
auch eine Bemerkung von G. Brice aus dem Jahre 1706: „Die Petite Galerie in
Versailles war mit Spiegeln ausgestattet. Auf recht gut imitiertem Schildpatt- und
Lapislazuligrund waren die vergoldeten Bronzerahmen befestigt10.“ In Augsburg
gab es 1625 nicht nur den Ebenholzstempel, sondern es folgte 1665 auch die
Zeichnung des Schildpatts. 11
3.2.1 Historische Ersatzstoffe
Seit jeher galt Schildpatt als ein besonderer Rohstoff, der sehr teuer und schwer zu
beschaffen war. Dies hatte natürlich zur Folge, dass Schildpatt, bald nach dem es in
Europa Mode wurde, imitiert und gefälscht wurde.
9 http://www.ifaw.org/press/german/gr032900.html
10 Ruth Vuilleumier, Schildpatt – Verarbeitungstechniken und Imitationen, in Thomas Brachert, Beiträge zur
Konservierung und Restaurierung alter Möbel, S. 136
11 Projektarbeit Katrin Prömper, Schildpattimitation auf Horn, S. 2
12
Vor der Entwicklung moderner Kunststoffe, musste man auf natürliche Rohstoffe
zurück greifen. Horn wurde wohl am häufigsten zum Imitieren von Schildpatt
verwendet. Zahlreiche Rezepte aus Quellenschriften über die Schildpattimitation
auf Horn wurden in einer Projektarbeit von Katrin Prömper an der FAK Goering
Institut behandelt.12 Fritz Spannagel erwähnt, dass Schildpatt hinsichtlich seiner
Beschaffenheit und Verarbeitung dem Büffelhorn am ähnlichsten sei. 13
Die hohe Nachfrage nach Schildpattarbeiten ging so weit, dass man selbst
Elfenbein so stark bearbeitete, dass der Eindruck von Schildpatt entstand.
Der hohe Preis des Schildpatts bewirkte, dass jedes noch so kleine Stück Verschnitt
aufgehoben wurde. „Bei dem Einteilen ist mit Rücksicht auf den hohen Wert des
Materials große Genauigkeit nötig, damit man so wenig Abfälle als möglich
erhalte; die Abfälle selbst sind sorgfältig aufzubewahren, da man auch für die
kleinsten Stückchen immer noch eine Verwendung finden kann14.“
So existieren einige Anweisungen, um Schildpattabfälle zu schmelzen und in
geeigneten Formpressen, zu Dosen, Knöpfen, Schmuck und Platten weiter zu
verarbeiten. Schildpatt verliert dabei allerdings seine Transparenz.
In ländlichen Gegenden bemühte man sich häufig dem Schildpatt ähnelnde
Bemalungen auf Möbel und anderen Objekten aufzubringen.
3.2.2 Moderne Ersatzstoffe
1869 wurde das Zelluloid entdeckt, welches mit dem Ausgangsstoff Zellulose als
Ersatzmaterial für Elfenbein und auch für Schildpatt verwendet wurde. Unter
Wärmeeinwirkung ist es ähnlich dem Horn verarbeitbar.
Um die Jahrhundertwende löste Gallalith das Zelluloid ab, denn dieses Material
hatte wesentlich mehr Vorteile. Gallalith, bestehend aus Kasein und Formaldehyd,
ist härter als Zelluloid. Es ist polierfähig und gegen Alkohol, Äther und schwache
Säuren beständig, jedoch auch geringfügig hygroskopisch.
Heutzutage wird Schildpattimitat aus modernen Kunststoffen hergestellt. Sie sind
unter verschiedenen Bezeichnungen (z. B. Rodoit) im Handel erhältlich.
3.3 Restauratorische Probleme
Für den Restaurator ergeben sich Beschaffungsprobleme von Schildpatt, da aus
Artenschutzgründen der Handel mit Tieren die im Anhang WA I, des Washingtoner
Artenschutzübereinkommens verboten ist. Deshalb muss man ernsthafte
Überlegungen bei der Materialauswahl für Restaurierungen anstellen.
Schildpatt kann von Restauratoren mit Sondergenehmigung am Flughafen
erstanden werden. So kann geschmuggeltes Schildpatt noch einen Zweck erfüllen
und es wird trotzdem kein Handel damit unterstützt.
12 Projektarbeit Katrin Prömper, Schildpattimitation auf Horn, S. 2
13 Fritz Spannagel, Das Drechslerwerk, S.180
14 Lois Edgar Andres, Verarbeitung des Horns, Elfenbeins, Schildpatts, der Knochen, des Perlmutts, S. 135
13
4 MATERIAL
4.1 Chemische Zusammensetzung und Aufbau
Schildpatt besteht wie Horn, Federn oder Haare zu seinem größten Teil aus dem
Gerüstprotein Keratin, das im Epithelgewebe von Landwirbeltieren zu finden ist.
Dies ist ein hochmolekularer, schwefelhaltiger Eiweißstoff. Bei einer Glühprobe
und bei der Verarbeitung entsteht der Geruch von verbranntem Haar.
Aufgebaut ist es aus ca. 35 dünnen Schichten, die jeweils aus vielen Lagen flacher,
plättchenartiger, verhornter Zellen (1/200 –1/100 mm) gebildet werden.
In den polychromen Plattenzellen des Schildpatts, den gefleckten oder geflammten
Bereichen, befinden sich Pigmentkörner.
4.2 Materialeigenschaften
In erster Linie wurde Schildpatt sicherlich wegen seiner unterschiedlichen
Farbgebung und seiner Transparenz geschätzt. Diese Eigenschaften wurden für
farbliche Hintermalungen genutzt. In den meisten Fällen wurde Zinnober in den
Leim gemischt oder gefärbte Papiere hinter das Schildpatt gelegt.
Die thermischen Eigenschaften die Schildpatt aufweist, machen die Verarbeitung
zu Furnieren und die Verwendung als Überzugsmaterial, auch bei
dreidimensionaler Gestaltung überhaupt erst möglich.
In kaltem Zustand ist Schildpatt relativ hart und spröde. Die Härte nach Mohs
beträgt 2,5. Bei vorsichtigem Erwärmen wird es so elastisch, dass es sich
verformen lässt.
Die thermischen Eigenschaften werden auch genutzt, indem man mehrere Platten
miteinander verschweißen kann. Einmal zu hoher Temperatur ausgesetzt, verliert es
aber evtl. seine Transparenz. Der Kabinettschrank auf Abb. 11 zeigt bei der
Schildpattfurnierung einige bräunliche Stellen auf, die sich nach ca. 15 cm
Abb. 5 Querschliffnr. 1630 / Schichtenaufbau
einer Schildpattprobe / Vergrößerung 50x, UVLicht
mit Filter 2
14
wiederholen. Hier könnte das Verschweißen der einzelnen Schildpattplatten ein
Grund sein.
Der Hauptbestandteil Keratin ist in Wasser und den meisten organischen
Lösungsmitteln unlöslich, jedoch ist von einem Reinigungsbad darin strikt
abzuraten, da Schildpatt hygroskopisch ist. Ammoniak und konzentrierte Laugen
lösen Keratin an.
Durch den plättchenartigen Aufbau der verhornten Zellen (siehe Abb. 5) lassen sich
einige Eigenschaften des Materials erklären. So ist die Press- und Spaltbarkeit,
ebenso wie Beiz- und Polierfähigkeit nachvollziehbar.
15
5 HISTORIE
5.1 Verwendung von Schildpatt
Schildpatt gehört zu den ältesten Materialien, die von Menschen für Gebrauchs-,
Luxus- oder Kultgegenstände verwendet werden.
Lange vor unserer Zeit wurde Schildpatt schon von den Urvölkern der ozeanischen
Inselwelt, den Herkunftsgebieten der Karettschildkröten, für Schmuck und sonstige
Dinge verarbeitet.
Auch aus der Hochkultur der Ägypter und dem Römischen Reich sind Funde aus
Schildpatt belegt. Eine interessante Bemerkung zur Verwendung von
Luxusmaterialien im Möbelbau aus dem 1. Jh. n. Chr. lieferte der römische
Geschichtsschreiber Plinius d. Ä. (23 bis 79 n. Chr.): „Dies war der Beginn des
Luxus, dass man ein Holz mit einem anderen belegte und geringere Arbeit so mit
Holz, kostbarere mit Schale (Schildpatt) fertigte. Auch erdachte man ganz dünne
Holzblätter, und, nicht zufrieden damit, fing man an, die Hörner der Tiere zu
färben, Zähne zuzuschneiden und Holz mit Elfenbein einzulegen.“ 15.
Vom Ausgang des 16. Jahrhunderts bis heute wird dieses Material auch in weiten
Teilen Europas zu Luxusartikeln verarbeitet. Die Zeit der Entdeckungen fremder
Kontinente und ein erweiterter Welthandel waren der Auslöser dieser regelrechten
Schildpattmode.
Kuriositäten aus aller Welt fand man, bevorzugt im 16. bis 18. Jahrhundert,
besonders in den Kunst- und Wunderkammern des europäischen Hochadels. Dort
durfte Schildpatt als besonders wertvoller Werkstoff nicht fehlen.
Große Berühmtheit erlangte das Schildpatt mit den Einlegearbeiten des
Hofebenisten Ludwigs XIV., André Charles Boulle (1642 bis 1732), die sich
weltweit großer Beliebtheit erfreuten. Bei der nach ihm benannten Boulle-Technik
wurde Schildpatt mit Edelmetallen, wie Messing oder Zinn, verleimt und nach
15 Rosemarie Stratmann-Döhler; Möbel, Intarsie und Rahmen, in Reclams Handbuch der künstlerischen
Techniken, Bd. 3, S. 177
Abb. 6 Kupferstich des Museum Wormianum,
Kunstkammer um 1655
16
Mustervorlage die Ornamentik ausgesägt. Die „première partie“ besteht aus
Schildpatt als Fond und das eingelegte Muster aus dem Edelmetall (siehe Abb.7).
Bei der „contre-partie“ verhält sich dies umgekehrt. So konnten zwei gegengleiche
Möbel furniert werden.
In neuerer Zeit wurde Schildpatt auch für Gebrauchsgegenstände, wie
Brillengestelle, Badezimmer-Utensilien u.a. verarbeitet.
Abb. 7 Prunkschreibtisch mit Aufsatz,
Boulle-Technik, Antwerpen um 1700,
Residenz München
Abb. 8 Kämme, Schildpatt und Silber,
Goa oder Gujarat, 16 Jh., Sammlungen
Schloß Ambras
17
5.2 Objekte und Beispiele aus dem Kunsthandwerk
Abb. 9a Herzförmige Flasche, Schildpatt und Silber, Gujarat (?), 16. Jh., H 26,3
cm, Kunsthistorisches Museum Wien
Abb. 9b Becken, Schildpatt, Gujarat (?), 16. Jh., Ø 42,7 cm, Kunsthistorisches
Museum Wien
Abb. 9c Konfektschale, Schildpatt, Gujarat (?), 2. Hälfte 16. Jh., Ø 11,8 cm,
Kunsthistorisches Museum Wien
Abb. 10 Kabinettschrank, Südliche Niederlande, Ende 17. Jh.,
a b c
18
Abb. 11 Kabinettschrank, Materialien der
Marketterie: Schildpatt, Silber, Messing,
Kupfer, Perlmutt, Bein; Pietra Dura-Arbeiten
mit Edelsteinen, Augsburg um 1680/85, H 247
cm – B 181 cm – T 63 cm, Residenz München
Abb. 12 Innenleben des
Kabinettschranks auf Abb. 11
19
6 VERARBEITUNG
Die strengen Vorschriften der Zünfte und der Konkurrenzkampf zwischen
Handwerkern und Werkstätten ließen es nicht zu, dass man mühevoll erlernte
Verarbeitungstechniken weitergab. „Allein wenige Künstler wissen geschickt mit
diesem Materiale umzugehen, und diese Wenigen machen aus ihrem Verfahren ein
Geheimnis 16.“ So steht es in einigen Quellenschriften. Bei einem Vergleich der
Schriften des 17. bis 20. Jh. sind aber größtenteils die gleichen Arbeitsabläufe
beschrieben. Es ist jedoch schwierig diese Arbeitsgänge erfolgreich
nachzuvollziehen, da die Autoren meist nur Gehörtes und Gelesenes
niederschrieben.
Wegen fehlender Gerätschaften und Formen wurde bei dieser Versuchsreihe
improvisiert. Das verwendete Echte Schildpatt stammte ursprünglich aus einer
Zucht und wurde dem Vorrat der FAK Goering Institut entnommen.
Die nötigen Arbeitsschritte, die historische Quellenschriften nennen, werden im
Folgenden einzeln beschrieben. Die Vorgehensweise bei der Versuchsreihe wird
anschließend am Ende jeden Punktes gesondert dargestellt.
6.1 Planieren der Platten
Die Planierung der mehr oder minder gewölbten Platten ist die Grundvoraussetzung
für eine weitere Bearbeitung.
Die einzelnen Schildpattplatten werden in einem Topf mit siedendem Wasser mit
Öl- oder auch Salzzusatz erweicht. Sie sollten den heißeren Gefäßboden nicht
berühren können, da ab ca. 110°C eine Strukturzerstörung eintreten kann 17.
Herausnehmen sollte man das Schildpatt, wenn es sich durch das eigene Gewicht
faltet oder verbiegt.
Kleinere Stücke sollen auch über dem offenen Feuer erweicht werden können. Es
wird jedoch davor gewarnt, die Teile zu nahe an die Flammen zu bringen, da wie
erwähnt die Struktur wegen zu großer Hitze darunter leiden kann. Ab ca. 150°C
wirft Schildpatt Blasen und die Struktur ist vollständig zerstört.
Im frühen 18. Jahrhundert wurde das elastische Schildpatt nach dem Erweichen mit
einem Leinensack voll heißem Bachsand gepresst. Roubo erwähnte 1776 warme
Eisen- oder Messingplatten und bereits 20 Jahre später war in der Loos-
Enzyklopädie die Rede von einer speziellen Presse für diesen Arbeitsgang 18.
Man kann die gesamte Presse im Wasser behalten und die Spindel nach und nach
anziehen oder das weiche Schildpatt herausnehmen und zwischen vorgewärmte
Metallplatten pressen. Das Ergebnis ist Gleich.
16 J. G. Krünitz´s Ökonomisch-technologisches Encyklopädie, S.445
17 Hans-Werner Nett, Beitrag zum Thema Schildpatt, in Restauro 2/93, S. 103
18 Katharina Walch, Boulle-Marketerien an süddeutschen Klosterausstattungen des 18. Jahrhunderts, S.110
20
J. Sedlmajer rät, auf einer Seite zwischen Schildpatt und Zulage aus Holz oder
Eisen ein Stück Leder zum Ausgleichen der noch ungleichen Stärke zu legen 19.
Louis Edgar Andres hingegen schreibt von mehreren Lagen Filz die beidseitig
zwischen Schildpatt und heißer Metallplatte liegen sollten.
Versuch:
Größere Schildpattplatten wurden nach dem Erweichen einem Leinöl-Wasser-
Gemisch (ca. 0,1ml Leinöl in 3l Wasser), ohne zusätzliche Textilien in ca. 110°C
heiße Eisenplatten gelegt und mit Schraubzwingen dem nötigen Druck ausgesetzt.
Kleinere Platten wurden mit der Spindelpresse zwischen 110°C heißen Aluplatten
planiert.
In jedem Fall ist es notwendig, das Schildpatt zwischen den heißen Platten und
unter Druck erkalten zu lassen. Nach dem vollständigen Erkalten und Trocknen ist
es wieder so hart und spröde wie ursprünglich.
6.2 Egalisieren der Stärke
Begonnen wird mit der dem Panzer zugewandten Seite, da diese die unebenere von
Beiden ist. Es ist bei der Sprödigkeit des Materials auf eine volle Auflagefläche zu
achten. Als geeignete Werkzeug werden Schabeisen, Ziehklinge und Schlichtfeile
empfohlen (siehe auch Abb. 15).
Wichtig ist es, am Ende eine durchgehende Stärke auf der gesamten Fläche erzielt
zu haben. Diese gewährleistet eine gleichmäßige Biegung, dünnere Stellen könnten
sonst reißen.
Die beidseitige Bearbeitung ist notwendig, um eine gleichmäßige Transparenz des
Materials erreichen. Vor der Weiterverarbeitung sollten, zumindest auf der
Innenseite, deshalb keine Kratzer und Unebenheiten mehr erkennbar sein.
Welche Seite nach der fertigen Bearbeitung die Schauseite sein sollte, darüber gibt
es in den Quellenschriften zwei Meinungen. Es ist schwer, nach der Bearbeitung
einen Unterschied zwischen der dem Panzer zu- und dem Panzer abgewandten
Seite erkennen.
19 J. Sedlmajer, Die Bearbeitung von Schildpatt, in Arbeitsblätter für Restauratoren 1/71, S. 40
Abb. 13a Erweichen des Schildpatts in kochendem Wasser mit Ölzusatz
Abb. 13b Pressen des Schildpatts zwischen 110°C heißen Aluplatten
a b
21
Versuch:
Bei diesen Tests wurde beidseitig mit folgender Werkzeugreihenfolge
vorgegangen:
a) Schlichtfeile
b) scharfe Ziehklinge
c) Schleifpapiere von 100er bis 320er Körnung
d) Ausschleifen mit Wasser und Bimsstein/Bimsmehl
e) Polieren mit Buchenasche, Trippel, Talkum; jeweils mit Leinölzusatz
6.3 Schweißen
Über das Schweißen von Schildpatt schrieb Roubo in den Jahren 1771 – 76: „An
anderer Stelle erwähnte ich, dass man Schildpatt ohne Verwendung einer weiteren
Substanz verschweißen kann, was sehr einfach ist, auch wenn die Handwerker ein
großes Geheimnis daraus machen 20.“ Dem kann man nicht ohne weiteres
zustimmen, da Materialkunde und praktische Erfahrung für ein Gelingen
unumgänglich sind.
20 Jacques-André Roubo, L´Art du Menuisier, S. 1010
Abb. 14a Schleifen des Schildpatts
Abb. 14b Polieren des Schildpatts mit Bimsstein und Wasser
Abb. 15 Formen und
Gerätschaften zum
Bearbeiten von Schildpatt,
Roubo 1771-76;
Fig.7 und 8 Spindelpresse,
Fig.9 Querschnitt
einer Profilleiste,
Fig.11 Form für
eine räumliche Schildpattverformung
(siehe
Fig.9), Fig.13 Schabeisen,
Fig.14
Planierung von
Schildpatt, Fig.15
Schildpatt in siedendem
Wasser, Fig.16
Schildpatt für die
Verschweißung angeschrägt
a b
22
Um eine einzige große Platte Schildpatt vorzutäuschen, achtet man schon beim
Aussuchen der Platten auf Struktur und eine durchlaufende Zeichnung. Beim
Verschweißen werden die zu verbindenden Kanten (Abb. 15, Fig. 16) angeschrägt.
Die beiden Stücke müssen exakt gegengleich gefeilt und absolut fett- und staubfrei
sein. In Krünitz´s Ökonomisch-technologischer Encyklopädie ist diese
Vorsichtsmaßnahme treffend geschildert: „Noch ist hierüber zu bemerken, daß
wenn man beim Löthen oder Zusammenschweißen die Zange oder Presse
gebraucht, es eine nöthige Vorsicht ist, die Theile, welche vereiniget werden sollen,
von allem Staube und Fette rein zu erhalten; man darf sie daher auch nicht mit den
Fingern berühren, auch nicht einmal den Athem darauf fallen lassen 21.“
In vielen Quellenschriften wird geraten 3 bis 4 Lagen starkes Papier um die Fuge
zu wickeln und anschließend mit einem Faden zu fixieren. Andere benutzten
feuchte Leinentücher in der gleichen Art und Weise. Eine praktische Umsetzung,
ohne dass die schrägen Kanten verrutschen, ist schwer vorstellbar.
Die in einer Schreinerwerkstatt des 17. bis 20. Jahrhunderts zum Verschweißen
verwendete Zange (siehe Abb. 17), erhitzte man am Feuer so stark, dass sich ein
Papier daran nur leicht verfärbte. Mit dieser Zange wurde so lange Druck ausgeübt,
bis sich das Schildpatt durch das eigene Gewicht verbog.
Zum Erkalten wurde die verschweißte Platte min. 24 Stunden flach abgelegt.
Anschließend egalisierte man die Oberfläche nochmals, die sich durch die enorme
Hitze der heißen Zange verbogen und verformt hatte.
21 J.G. Krünitz´s Ökonomisch-technologische Encyklopädie, S. 450
Abb. 16 Verschweißung von Schildpatt,
Versuch 1
Abb. 17 Zange zum
Verschweißen von
Schildpatt mit einer
beweglichen und
einer unbeweglichen
Backe
23
Um 1900 verwendete man geschlossene, dampfdichte Eisenbehälter, die durch den
Deckel mit einer Spindel versehen waren. Diese Apparaturen ermöglichten es,
Schildpatt mit Wasserdampf und Druck zu verbinden. Dazu wurden die zu
verschweißenden Platten zwischen feuchte Tücher und heiße Metallplatten gelegt
und in dem geschlossenen Kasten gepresst. Mit einem Thermometer konnte man
die Temperatur im Inneren des Behälters überprüfen22.
Für Drechsler war Schildpatt wegen seiner geringen Materialstärke eher
uninteressant. Deshalb schweißte man für Schirmgriffe usw., mehrere Platten
Schildpatt übereinander, um eine Stärke von ca. 15 – 20 mm zu erreichen 23.
Versuch:
Die zu verschweißenden Kanten wurden mit Testbenzin gereinigt, um Staub- und
Fettrückstände zu entfernen. Um ein Verrutschen der angeschrägten Kanten
auszuschließen, wurden mehrere Lagen Furnierfugenpapier übereinander auf die
Fuge geklebt. Papier und Kleber ließen sich nach dem Schweißen rückstandslos mit
einem feuchten Schwamm entfernen.
Statt, wie historisch eine Zange zu verwenden, wurden zwei eiserne Vierkantstäbe
(15/15) benutzt. Die Temperatur der Stäbe wurde bei jedem Versuch etwas erhöht
(siehe Tabelle). Exakt über der Fuge liegend, wurden zwei Schraubzwingen
gleichmäßig angezogen und nachdem sich das Schildpatt merklich verbogen hatte,
wieder entfernt.
VERSUCH 1 2 3
Temperatur 110-105°C 112°C 115%°C
Stärke des
Schildpatts
1,5mm 0,7mm 0,7mm
Fasenlänge 6mm 8mm 4mm
Schweißung Negativ Teilweise positiv
22 Martin, Der Drechsler, S.293
23 Fritz Spannagel, Das Drechslerwerk, S. 180
Abb. 18 Verschweißtes Schildpatt, a) Versuch 2 und b)
Versuch 3
a b
24
Da sich die Platten während des 2. und 3. Versuchs (Abb. 18a/b) kaum verbogen
hatten, konnte man sie gleich auf einen Träger aus Eiche aufleimen. Als
Hinterlegung diente ein mit Zinnober gefärbtes Papier. Anschließend wurde die
Schauseite des Schildpatts auf dem Träger geschliffen und poliert.
6.4 Räumliche Verformung von Schildpatt
6.4.1 Räumliche Verformung ohne Dehnung des Materials
Um das Schildpatt in eine gewünschte Form zu bringen braucht man Positiv- und
Negativform. Diese können entweder aus Metall oder Holz bestehen. Am besten
bewährt haben sich Kupferformen, da Kupfer die Wärme am Besten speichert und
das Schildpatt in der Form allmählich auskühlen kann. Werkstätten, die regelmäßig
Schildpatt verarbeiteten, besaßen in der Regel verschiedene gegossene
Kupferformen. Der Vorteil ist, dass sie im Gegensatz zu Holzformen beliebig oft
verwendbar sind und keine Struktur ins weiche Schildpatt pressen.
Um Profilleisten u.ä. mit Schildpatt zu belegen, ist eine räumliche Verformung des
Materials nötig. Hierzu werden die planierten Platten im siedenden Wasser mit Öloder
Salzzusatz gekocht. Das Schildpatt sollte etwas größer als die Form sein, da es
sich auf Grund seiner hygroskopischen Eigenschaften im Wasser ausdehnt und
beim Abkühlen wieder zusammenzieht. Deshalb muss beim Konstruieren der
Formen darauf geachtet werden, dass genug Platz für die Ausdehnung vorhanden
ist.
Anschließend wird das weiche Schildpatt in die Form und das Gegenstück exakt
darüber gelegt und fest gespannt. Auch hier ist es gleich, ob dieser Vorgang im
Wasser geschieht oder mit angewärmten Formen. Unter Druck 24 Std. auskühlen
lassen und dann erst der Form entnehmen.
Abb. 19 Querschliffnr. 1631, Verschweißtes
Schildpatt, 100x Vergrößerung, UV-Licht mit
Filter 2
25
Versuch:
Wie auf Abb. 20 zu sehen, wurden Holzformen (Ausschnitt aus einer Profilleiste)
mit Kupferblecheinlage, die im Wasser auf die gleiche Temperatur wie das
Schildpatt erhitzt wurde verwendet. Es reichte aus, das elastische Schildpatt aus
dem Topf zu nehmen, zwischen die Form zu legen und zu pressen. Eine im heißen
Wasser stattfindende Verbiegung war nicht nötig.
Leider konnte man nach dem Ausspannen feststellen, dass die Transparenz des
Schildpatts nicht mehr durchgehend vorhanden war. Vermutung: Eine zu große
Hitze mit max. 100°C bei Wasser und Kupferform konnte nicht als Grund in Frage
kommen. Da die Formen per Hand hergestellt wurden, könnte es evtl. an einigen
Stellen an Druck gefehlt haben und dadurch zu Luft- oder Feuchteeinschlüssen
gekommen sein. Als zweite Überlegung wäre noch eine vorzeitige Veränderung der
Eiweißstruktur denkbar. Eine genaue Untersuchung dieser Veränderung muss noch
durchgeführt werden.
6.4.2 Räumliche Verformung mit Dehnung des Materials
Auch hierbei gilt das Gleiche für die Formen, wie bei der räumlichen Verformung
ohne Dehnung des Materials. Das Schildpatt muss aus den unter 6.3.1 genannten
Gründen ebenfalls etwas größer als die Form bemessen werden.
Die Vorgehensweise ist ähnlich, eine Verformung sollte hierbei aber vollständig im
Wasser stattfinden, da die dreidimensionale Verbiegung in dieser Weise eine
weitaus höhere Belastung für das Material bedeutet.
Das Schildpatt wird nach dem Herausnehmen aus dem Wasser schnell wieder
spröde und damit auch brüchig. Deshalb ist es wichtig, die weiche Platte in eine nur
leicht angezogene Presse zu stellen.
Anschließend wird die gesamte Presse in einen Topf mit siedendem Wasser gestellt
und nach und nach angezogen. So wird das Schildpatt schonend in eine neue Form
gebracht.
Abb. 20 Räumliche Verformung ohne Dehnung
des Materials
26
Nachdem die Presse vollständig geschlossen ist, kann sie wieder herausgenommen
werden und 24 Std. zur Auskühlung stehen gelassen werden.
Versuch:
Um eine Kartusche zu formen wurde eine Positivform aus Messing benutzt und die
passende Gegenform dazu angefertigt.
Das planierte und im Wasser wieder erweichte Schildpatt wurde heraus genommen
und zusammen mit der Innenform in die ebenso erhitzte Außenform gelegt.
Zusammen legte man alles unter eine Spindelpresse und zog diese nur leicht an.
Danach wurde die gesamte Presse in einen großen Topf mit siedendem Wasser
gestellt und nach und nach angezogen (Abb. 21).
Beim ersten Versuch mit einer vorhandenen Messingaußenform und einer
Holzinnenform, war die Höhe von 4cm zu hoch bzw. die Form zu tief bzw. der
Durchmesser von 8cm zu gering für die Tiefe. Das weiche Schildpatt lies sich nicht
so weit dehnen, sondern es faltete sich übereinander.
Der zweite Versuch wurde mit einer Außenform aus Messing für eine 1,6 cm hohe
Ovalkartusche durchgeführt (12,5 x 8cm). Die Innenform wurde mit
Polyestergießharz der Fa. Voss Chemie abgegossen. Die räumliche Verformung des
Schildpatts war zwar vorhanden, jedoch befanden sich am Rand der
Schildpattkartusche Falten. Diese Form eignete sich herstellungsbedingt durch das
Gießen nicht.
Als nächstes wurde ein Epoxidharz mit der Produktbezeichnung Klebepaste und
Hohlfugenkitt, der Firma Gößl und Pfaff für die Innenform verwendet (Abb. 22).
Dieses Material konnte besser als das Gießharz auf Polyesterbasis verarbeitet
werden, da die Konsistenz pastenartig und nicht flüssig ist. Eine Innenform konnte
relativ schnell angefertigt werden. In siedendem Wasser blieb die Form stabil.
Auch bei der Dehnung des Materials war ein Erblinden nach dem ersten Versuch
festzustellen. Es wurde jedoch bei allen Versuchen das gleiche Schildpatt
verwendet, um das Material nicht unnötig zu verschwenden. Auch hier muss noch
weiter nach den Gründen geforscht werden, ob darin ein Zusammenhang besteht.
Abb. 21 Spindelpresse in heißem Wasser mit Ölzusatz, Schildpatt
bei der räumlichen Verformung mit Dehnung des Materials
27
6.5 Aufleimen auf den Träger
Die Transparenz der Schildpattfurniere wurde wohl seit der ersten Verwendung von
diesem Material gekonnt ausgenutzt. Ab dem 17. Jh. wurde Schildpatt in Europa
am häufigsten mit rot gefärbtem Papier hinterlegt oder der Leim mit
Zinnoberpigmenten eingefärbt. Seltener waren schwarze und grüne Untergründe,
sowie Blattgold.
Die Hinterlegung des Schildpatts hatte den Vorteil, dass die durchscheinende
Holzstruktur nicht mehr zu sehen war.
Versuch:
Die Ovalkartusche wurde mit eingefärbtem Hasenleim auf einen Träger aus Eiche
aufgeleimt. Der Profilleistenausschnitt und die beiden Schweißversuche 2 und 3
wurden jeweils mit einem rot gefärbten Papier hinterlegt. Alle Einfärbungen sind
mit Zinnober durchgeführt worden.
Abb. 22 Räumliche Verformung von Schildpatt mit
Dehnung, Form: Epoxidharz
Abb. 23a Messingaußenform
Abb. 23b Gebogenes und gedehntes Schildpatt
Abb. 23c Innenform aus Epoxidharz
a b c
28
Abb. 24a Räumliche Verformung ohne Dehnung des Schildpatts;
Eichenholzträger
Abb. 24b Räumliche Verformung mit Dehnung des Schilpatts;
Eichenholzträger
Abb. 24c Verschweißtes Schildpatt; Eichenholzträger
a b c
29
7 Resümee
Um mit Schildpatt arbeiten zu können sind Materialkunde und praktische
Erfahrung für ein Gelingen unumgänglich.
Trotz mangelnder Erfahrung und anfänglicher Fehlschläge, konnten diverse Erfolge
und daraus resultierende Erkenntnisse gewonnen werden. Auch wenn einige Fragen
offen blieben, wie die Erblindung des Materials bei der räumlichen Verformung,
offen blieben. Eine Vielzahl von Quellenschriften lassen keinen eindeutigen
Ausschluss und Aufschluss von Verarbeitungsproblemen zu. Auch birgt das
Umsetzen beschriebener Arbeitsabläufe, ohne genaue Temperaturangaben o.ä.,
zusätzlich Schwierigkeiten. Gespräche mit einigen Restauratoren, die mit dem
Material gearbeitet haben, konnten nur teilweise Aufschluss über die
Verarbeitungweise geben.
Die Verschweißung des Schildpatts verlangte mehrere Versuche, die letztendlich
zum Erfolg führten. Nicht nur, aber gerade bei der Verschweißung von Schildpatt,
ist genaues und sauberes Arbeiten erforderlich.
Abschließend sollte noch erwähnt werden, dass trotz der Verwendung von
Zuchtschildpatt oder aus Zollbeständen, respektvoll und sparsam mit diesem
seltenen Rohstoff umgegangen werden sollte. Restauratoren, die mit Schildpatt
arbeiten, sollten sich umfassend über Arbeitstechniken informieren, um positive
Ergebnisse zu erzielen.
30
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Perlmutts“; Wien/Leipzig 1911
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31
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künstlerischen Techniken 3; Stuttgart 1986
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Thomas, Hg.; Beiträge zur Konservierung und Restaurierung alter Möbel; S. 130-37
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